25 October 2010

Phänomen

Die bereits 6 (!) vergangenen Wochen in Cape Coast verflogen nur so und ich kann es kaum fassen, dass ich schon so lange hier bin. In dieser Zeit habe ich viele Menschen gesehen und kennen gelernt, mit ihnen interessante Gespräche geführt und sie ignoriert, gelacht oder abblitzen lassen. So einheitlich wie die Kleider der Frauen gefärbt sind, so gleich sind auch die Menschen in Cape Coast. Nämlich gar nicht. Eines haben jedoch viele von ihnen gemeinsam: sie sind sehr extrovertiert und sprechen uns Weisse schnell und ohne Hemmungen an. Ich falle auf, obgleich ich es nicht will. Über mich wird geredet und ich verstehe es nicht (dass über mich gesprochen wird, erkenne ich am oft fallenden „Oburoni“). Ich werde oft bevorzugt, obwohl ich die gleiche Leistung verlange, wie die Schwarzen für den gleichen Preis auch.
Neben dem „Weiss-sein“ fühle ich mich oft auch einfach nur wie ein auftauchendes Phänomen, das aus unterschiedlichen Perspektiven als etwas total verschiedenes betrachtet wird.
Zum einen bin ich ein VIP schlechthin.  Von den kleinen Kindern, über junge Menschen in unserem Alter, bis hin zu den älteren Frauen auf dem Markt werde ich ständig gegrüsst, gefragt und belagert. Dort wo Weisse sind, bilden sich schnell kleine Gruppen Schwarze drumherum, insbesondere am Strand. Meistens ist es gut gemeint, aber mit dem ewigen „Oburuni, how are you? I ´m fine, thank you!“-Fangesang ist es schon störend. Zumal einige der Kinder nicht wissen, was sie überhaupt singen, sondern es nur beigebracht bekommen und los rufen, wenn jemand Weisses vorbei kommt. An das ständige Angesprochen werden kommen selbst Hollywoodstars in den USA nicht mit.
Ebenso bin ich manchmal auch ein Gute-Laune-Bär. Mit den wenigen Brocken Fante, die ich spreche, kann ich ein ganzes Trotro und wahrscheinlich auch den ganzen Markt belustigen. Die Frauen freuen sich über die kleinen Sprachkenntnisse und wollen mir weitere Worte beibringen. Manchmal aber kommen Frauen mit ihren kleinen weinenden Kindern an und wenn diese einen Weissen sehen, beginnen ihre feuchten Augen zu strahlen und der Kummer ist schnell vergessen.
Weiterhin werde ich als Chance nach Europa und den damit verbundenen Reichtum und Wohlstand gesehen. „Kann ich dein Freund sein?“ fällt ab und an, obwohl ich mit der Person noch nie gesprochen habe. Telefonnummern wollen schneller ausgetauscht werden als Namen. Die Verkupplungsversuche hingegen halten sich bei mir zum Glück noch in Grenzen, doch einige Angebote habe ich schon ausgeschlagen. Den Mädels wurden hingegen schon öfters Heiratsanträge gemacht. Die Verzweiflung ist manchen anzumerken und sie würden alles tun, um nur nach Europa oder die USA zu gelangen. Dieses wurde mir auch schon von ghanaischer Seite bestätigt.
Ich bin auch ein absolutes Statussymbol. Weisse Freunde scheinen hier angesehen zu sein – mehr als Auto, Schmuck oder ein teures Paar gefälschter Converse. Und manchmal genügt nur schon der Eindruck jemanden Weisses zu kennen. Nicht selten laufen Jugendliche in meinem Alter neben mir und den anderen. Sie laufen quer durch die Stadt mit uns, ohne ein Wort zu wechseln, grüssen aber ihre Freunde und geben ihnen das Gefühl mit uns befreundet zu sein.
Und zu guter letzt bin ich eine Geldquelle. Das Betteln habe ich mir zwar schlimmer vorgestellt, als es hier ist, aber dennoch nervt es, wenn die Kinder ohne eine Begrüssung nach Geld fragen. Ebenso wird man sehr oft von Taxifahrern, Kleidungsverkäufern oder fliegenden Händlern angesprochen, ob man nicht etwas kaufen möchte, und einige von ihnen verlangen höhere Preise, als sie üblich sind. So ist ein Feilschen unerlässlich. Leider muss ich zugeben, dass ich dabei für so manchen Preis auch schon ein schlechtes Gewissen hatte, da ich ihn schon sehr gedrückt habe. Nichtsdestotrotz werde ich damit weitermachen, da einige Preise schon sehr überhöht sind.

Die Beschreibung ist zwar gänzlich eine Sicht in schwarz und weiss, aber dennoch ist das Leben hier bunter als die Kleider der Frauen. Ich liebe das unübersichtliche, aber geordnete Chaos auf dem Markt und noch mehr das Lächeln der Kinder. Auch wenn alles manchmal etwas anstrengend wird. Es ist einfach ein Phänomen.

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