14 December 2010

1. Quartalsbericht

Nach einem langen, stressigen Flug mit Nachtaufenthalt und wenig Schlaf in Dubai kam ich am Freitag, den 10.09.2010, mit neun anderen Freiwilligen gegen Mittag endlich in Accra an. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug und dem Betreten des Rollfeldes überkam mich die Freude in Ghana angekommen zu sein. Im gleichen Moment atmete ich auch die stickige Mittagshitze und die Motorenabluft ein. Ich war angekommen.
Die Gepäckaufnahme, diverse Kontrollen und das Finden unseres Abholers wurden ohne Komplikationen erledigt. Doch dann kam eine Situation, auf die noch viele weitere in Ghana folgen sollten: Warten. Da unser Abholer nicht sehr gesprächig war, wussten wir auch nicht, worauf wir warteten. Nach über einer Stunde erschien dann Paschal, unser Mentor, mit einer Liste und kontrollierte, ob denn auch alle angekommen seien. Dann ging es endlich los gen Cape Coast. Dachten wir. Erst einmal zur nächsten Tankstelle, da das Auto scheinbar Defekte hatte. Wieder warten. Über drei Stunden nach unserer Ankunft auf dem Flughafen fuhren wir dann endlich los und kamen im Dunkeln in unserer neuen Heimatstadt an. Die WGs wurden schnell eingeteilt und wir daraufhin verteilt, um diese zu beziehen. Beim Verteilen blieb das Auto liegen und ich wurde mit den Mädels glücklicherweise von Sascha, einem der vorherigen Freiwilligen, eingesammelt und in die WG mitgenommen.
Am Wochenende geschah weiter nichts und so zeigte Sascha uns die wichtigsten Adressen der Stadt (Markt, Geldautomat, Taxistation, etc.), erklärte uns wichtige, grundlegende Dinge und nahm uns an die Hand. Erst am Montag meldete sich Paschal bei uns, um eine Orientation mit uns abzuhalten. Dazu wurden auch die bereits anwesenden Freiwilligen eingeladen. Auf dieser Orientation wurden uns Infos gegeben, die mittlerweile hinfällig oder selbstverständlich waren. Viele Dinge wurden bereits auf dem Vorbereitungsseminar angesprochen und viele restliche Informationen haben wir am Wochenende selbst erfahren und kennen gelernt, indem uns Sascha darauf hinwies. Ohne die Einleitung von Sascha wären wir zu Beginn wahrscheinlich hilflos in der Gegend umhergeirrt. Von daher war die Orientation eher eine Zeitverschwendung und eine gut gemeinte Geste, als wirklich von Nutzen.
Dafür hat sich Paschal in den Wochen darauf sehr bemüht unsere Dokumente, etc. einzusammeln und alle noch benötigten Informationen, Gesundheitschecks, etc. zu organisieren, um unsere Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung  zu beantragen. Es soll auf dem Weg sein, jedoch habe ich schon länger nichts mehr von ihm gehört.
Die Ankunft im Projekt war durchwachsen. Katharina und ich wurden von Paschal zum Cape Deaf gebracht und dort unsere Direktorin vorgestellt. Da die Schule aber noch nicht richtig begonnen hatte (es waren kaum Kinder dort), sind wir gleich wieder mit Paschal zurückgefahren und am nächsten Tag alleine erneut hin. Aufgrund eines Besuches von einer schwedischen Projektgruppe fiel die Schule aber erneut aus. Immerhin zeigte uns Nancy, eine Freiwillige des amerikanischen Peace Corps, den Campus und gab uns ein paar Informationen zur Schule. Auch die nächste Woche verlief ähnlich. Jedoch bekamen wir langsam Kontakt mit einigen Lehrern und den Schülern. Die Kommunikation mit den Gehörlosen, insbesondere mit den Kindern, fiel aufgrund unserer mangelnden Kenntnisse der Gebärdensprache schwierig, aber dennoch funktionierte es etwas.
Allmählich fing die Schule an und etwas Alltag kehrte ein. Katharina und ich entschieden uns für unser Arbeitsgebiet. Ich wählte die 5te Klasse mit einem gehörlosen Lehrer. Die Klasse wurde dann nach und nach auch voller und der Unterricht begann. Die ersten zwei bis drei Wochen schaute ich lediglich dem Unterricht zu, um zu erfahren, wie dieser abläuft und um Kenntnisse der Gebärdensprache zu erhalten. Dadurch, dass mein Klassenlehrer gehörlos ist und mich in Freiräumen unterrichtet, konnte ich schnell große Fortschritte machen und wurde nach drei Wochen von ihm überredet den Mathematikunterricht zu übernehmen. Ich hatte nun also eine richtige Aufgabe bekommen, auf die ich mich sehr freute und den Unterricht vorbereitete. Das Durchführen des Unterrichts erwies sich dann aber natürlich als wesentlich schwieriger als erwartet. Viele Gebärden fehlten einfach noch, um über verschiedene Ansätze die Inhalte zu erklären. Dieses hat sich mittlerweile sehr gebessert und ich komme im Groben ohne die Hilfe des Klassenlehrers aus. Gelegentlich greift er dann ein, wenn er das Gefühl hat, dass die Kinder den Inhalt nicht verstehen. Oft liegt es dann aber nicht an meinen vergleichbar geringen Kenntnissen der Gebärden, sondern am langsamen Denken der Kinder, die lange brauchen, um Dinge zu verstehen und manchmal auch nach seinen Erklärungen die Sachverhalte noch nicht verstanden haben.
Neben dem Unterricht habe ich im November langsam mit außerschulischen Aktivitäten angefangen, um noch mehr Zeit im Projekt zu verbringen und mehr beschäftigt zu sein, als die wenigen Unterrichtsstunden, die ich effektiv arbeite. Ebenso kann ich dann weiter meine Gebärdenkenntnisse aufbessern und von den Kindern lernen. Da die meisten Kinder auf dem Schulgelände wohnen, sind sie auch nachmittags auf dem Campus. Als Abwechslung zu Fußball und Volleyball habe ich mit Indiaca und Frisbee angefangen. Ebenso habe ich an den Veranstaltungen der Jubiläumswoche und weiteren Meetings mit Lehrern und Eltern teilgenommen, um ein größeres Gesamtbild zu erhalten.
Das Projekt gefällt mir bisher sehr gut, auch wenn es einige Momente gibt, in denen ich lieber wegsehen möchte. So zum Beispiel beim Schlagen mit dem Cane. Ich hatte es mir zwar schlimmer vorgestellt, aber dennoch sind die Situationen nicht so leicht zu ertragen. Wobei ich leider auch sagen muss, dass man sich daran gewöhnt.
Das Leben an sich in Cape Coast ist herrlich. Zu Anfang war ich von dem scheinbaren Chaos, der Lautstärke, dem Rufen, den Händlern, dem Hupen der Taxis und Trotros überfordert, doch daran habe ich mich gewöhnt und genieße es mitunter sogar. Im Vergleich zu Accra, welches ich an einem Wochenende besuchte, ist es sogar noch gering. Ein weiterer Höhepunkt ist der Strand direkt vor der Haustür, den ich oft besuche und mich einfach mal durchpusten lasse, um einen klaren Kopf zu bekommen oder einfach um die anderen Freiwilligen zu sehen.
Insbesondere von Kindern werde ich oft „Oburoni“ (Weißer) gerufen, für die ein solcher Anblick scheinbar eher selten ist. In den meisten Fällen finde ich die Situation angenehm und reagiere mit einem Lächeln darauf oder winke zurück. Manchmal frage ich auf Fanti auch nach dem Befinden des Kindes und dieses ist dann ganz beeindruckt. Jedoch gibt es auch Momente, in denen es einfach überhand nimmt und ich darauf nicht reagiere. Dieses ist meistens, wenn ich zu oft in kurzer Zeit angesprochen werde oder wenn ich das Gefühl habe, dass die Kinder/Menschen mehr von mir wollen als nur zu grüßen. Oft ist dieses bei einer Art kleinem Lied, das die Kinder auswendig lernen, aber nichts von dem verstehen, was sie sagen.
Die sozialen Kontakte ändern sich derzeit leicht. Zu Anfang waren wir nur in der Gruppe unter uns Deutschen unterwegs. Daraufhin ist man auch manchmal alleine durch die Straßen gelaufen, da man sich langsam auskannte und der Stadt vertraute. Dieses Gefühl ist auch weiterhin bei mir, auch wenn bereits einige von uns ausgeraubt wurden. Mittlerweile habe ich auch engeren Kontakt zu Ghanaern, welche nicht auf einem oberflächlichen Kennenlernen und dem Austauschen von Nummern beruhen. Dieses war zu Anfang ein großes Problem. Man lernt schnell Leute kennen, jedoch sind viele von ihnen nur auf den Kontakt zu den Weißen aus, um sich damit zu rühmen oder sich später einen Vorteil davon zu erhoffen und durch die Kontakte zu profitieren. Durch die Freundschaften zu den Ghanaern lerne ich noch mehr über deren Kultur kennen und tauche weiter in das Leben in Ghana ein.
Leider habe ich bisher nur wenige Worte Fanti, die lokale Sprache in und um Cape Coast, gelernt. Jedoch benutze ich diese häufig und erstaune immer wieder die Leute, denen ich begegne. Diese freuen sich dann sehr und wollen noch mehr auf Fanti hören, wobei ich dann leider passen muss. Generell empfinde ich die Menschen in meiner Umgebung als sehr freundlich, hilfsbereit und auf einen zukommend. Die Ängste, welche ich vom Vorbereitungsseminar mitgenommen habe, dass viele Menschen an Hunger leiden, Kinder ständig betteln und viele versuchen einen beim Einkaufen über den Tisch zu ziehen, kann ich (noch?) nicht bestätigen. Gelegentlich sehe ich dürre Menschen auf den Straßen, manchmal betteln mich Kinder an und hier und dort versucht jemand mir einen höheren Preis aufzudrängen. Doch halten sich diese Situationen in Grenzen und ich finde es nicht als belastend. Durch die Erfahrung mit solchen Begegnungen weiß ich auch immer besser die derzeitige Situation einzuschätzen und kann darauf reagieren. Die Preise sind vergleichbar und so weiß ich, was ich wofür zahlen sollte. Bettelnde Kinder kommen auf einen zugerannt, aber mit einem „Nein“ auf deren Betteln, verschwinden sie oft wieder.

Derzeit geht es mir hier bestens und ich genieße das Leben in Cape Coast sehr. Ich freue mich auf die weiteren neun Monate.

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