Die Arbeit mit den gehörlosen Kindern hat meine Sichtweise auf das Leben noch einmal sehr verändert und ich denke viel über Behinderung nach. Einen gewissen Anteil daran haben sicherlich auch mein Studium und die ersten Erfahrungen mit behinderten Kindern in Dänemark. Aber gerade die Arbeit hier in Cape Coast hat grossen Einfluss.
Ich befinde mich hier quasi in einer anderen Welt. Die Welt der Gehörlosen. Sie haben ihren Campus um die Schule herum und wohnen hier die ganze Schulzeit über für sich – abgegrenzt von den normalen Menschen. Als ich hier ankam, war ich sehr erstaunt über all das; den Campus, die Menschen, die Gehörlosigkeit. Aber etwas fiel mir weniger auf: Hier bin ich der Behinderte!
Ich war derjenige, der nicht mit den Kindern kommunizieren konnte. Ich war es, der hier fremd ist. Ich war der andere.
Für mich ist Behinderung aus diesem Grund anders sein. Anders sein, als die anderen, aber dennoch ein Mensch, wie alle anderen. Behinderung ist keine negative Eigenschaft, sondern ein Möglichkeit andere Stärken zu entwickeln und sein Leben zu leben.
Wer von uns hatte nicht schon ein ähnliches Erlebnis wie ich in Cape Deaf? Ich als Weisser tauche in einer Schule mit Schwarzen auf, die nicht hören und kaum sprechen können. Ich konnte keine Gebärden am Anfang. Ich konnte nicht ihre Sprache.
So ergeht es uns doch auch im Urlaub, wenn wir in ein Land fahren, dessen Sprache wir nicht sprechen. Manchmal haben wir Glück und die Menschen dort sprechen unsere Sprache oder wir haben eine Sprache gelernt, die diese Menschen auch gelernt haben. So richten wir uns auf unsere Behinderung ein und versuchen mit diesem Handicap klarzukommen. Den Gehörlosen ergeht es mit ihren Gebärden nicht anders. Sie unterhalten sich damit – untereinander, mit uns.
Die Blinden haben ebenfalls ihre Stärken. Sie orientieren sich ohne zu sehen. Sie laufen quer über den Campus, nehmen Stufen, rennen nirgends gegen, überwinden Gräben. Versuch doch einfach mal mit geschlossenen Augen durch deine Wohnung zu laufen und einen Gegenstand zu finden ohne etwas anderes umzustossen.
Wer von uns ist also manchmal nicht auch behindert?
Ich habe vor diesen Menschen mit ihren besonderen Eigenschaften viel Achtung erworben und finde es grossartig wie sie ihr Leben in die Hand nehmen. Anstatt sie ständig zu bemitleiden und zu meinen, sie können nichts, weil sie behindert seien, sollte man vielmehr auf ihre Stärken achten. Sie haben oftmals versteckte Fähigkeiten und tolle Ideen, von denen wir normalen Menschen nur träumen können.
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