29 January 2011

Adoption

Über vier Monate bin ich nun schon in Cape Coast. Die Zeit rast und ständig treten neue Menschen in mein Leben. Menschen, die ich danach nicht wiedersehe. Menschen, denen ich in der Stadt wieder begegne. Menschen, die ich ständig sehe. Menschen, die ich mag. Und diese werden zu neuen Familienmitgliedern.
Dan ist einer von ihnen. Der andere Cobi. Beide treffe ich regelmässig und verstehe mich blendend mit ihnen. So kam es dann auch zur Adoption. Ich wurde ihr Bruder – their brother from another mother.
Beide, vor allem jedoch Dan, sind in kurzer Zeit zu sehr guten Freunden geworden, mit denen ich mich über alles unterhalten kann. Wir vertrauen uns private Gedanken und Ereignisse an. Wir verstehen uns, auch ohne viel zu sagen. Wir halten Händchen – so wie es sehr gute Freunde in Ghana öfters tun.
Es ist ein schönes Gefühl in der Fremde und in der doch recht kurzen Zeit einen so guten Freund zu finden. Einen Bruder. Zumal es am Anfang nicht so sehr danach aussah. Viele der Ghanaer waren eher an der weissen Hautfarbe und dem vermeintlichen Reichtum dahinter interessiert; nicht an dem Menschen selbst. Durch die Adoption ist die Freundschaft noch ein wenig mehr gefestigt worden. Ein ständiges Geben und Nehmen, voneinander Lernen, ein Austausch finden statt, von dem alle profitieren.

23 January 2011

Competition

Die Schule hat gerade wieder angefangen, die Klassen sind fast voll und schon kommt die erste Pause dazwischen. Alle Schulen im Schulbezirk wurden geschlossen, zwei Tage lang. Aus einem mehr oder minder guten Grund: Sportwettkämpfe der Upper Primary (Klasse 4-6) und Junior High (Klasse 7-9). Die Kinder lieferten sich spannende Spiele beim Fussball, Volleyball und Netball.

Zuschauer beim Sportwettkampf auf der Tribüne
  
Unsere gehörlosen Schüler nahmen daran ebenfalls teil und spielten ausschliesslich gegen hörende Mannschaften. Einen Nachteil konnte man aber kaum erkennen. Vielleicht gab es auch keinen. Lediglich manchmal gab es Kommunikationsprobleme, doch die hatten die anderen Mannschaften auch. Ich hatte sogar den Eindruck, dass es ein kleiner Vorteil war gehörlos zu sein, da sich die Kinder von der manchmal hektischen und aufreibenden Stimmung am Spielfeldrand nicht anstecken liessen und sich weiter auf den Sport konzentrieren konnten.

Upper Primary beim Aufwärmen vorm Fussball

Junior High beim Volleyball

Da die Mädels die Vorbereitungen verpassten, nahmen von Cape Deaf nur Jungsmannschaften teil. Die Upper Primary schied leider jeweils in der ersten Runde beim Fussball und Volleyball aus. Die Junior High dagegen hatte super Tage erwischt und erreichte im Fussball das Halbfinale und schied dort unglücklich im Elfmeterschiessen aus. Beim Volleyball spielten sie das Finale und gewannen 2-0 gegen die Mannschaft aus meinem Wohnort Nkanfoa. So gab es ein schönes Erfolgserlebnis für die Jungs und die Schule nach den schweisstreibenden Tagen auf dem Sportplatz.

Gleichzeitig hoffe ich, dass die anderen Schüler der teilnehmenden Schulen bemerkt haben, dass Gehörlosigkeit nichts Schlimmes ist und man damit normal leben kann. Lediglich das Kommunizieren geschieht auf einem anderen Weg als bei den meisten Menschen üblich.
Durch solche Events und die Teilnahme der gehörlosen Kinder kann bei allen mehr Verständnis und Toleranz untereinander geschaffen werden. So habe ich zwischendurch einige hörende Kinder gesehen, die sich mit unseren von Cape Deaf durch Gebärden oder anderweitige Zeichensprache unterhalten haben. Worüber sie sich unterhalten haben, weiss ich nicht. Vielleicht ja schon über den nächsten Wettkampf…


19 January 2011

Schwieriger Start

Die Schule hat wieder begonnen. Bereits letzten Dienstag. Doch es waren kaum Kinder da. Leider nahm die Anzahl der Kinder bis zum Wochenende kaum zu, so dass Montag immer noch nicht einmal die Hälfte anwesend war. Jetzt geht es aber schlagartig. Heute war meine Klasse zu zwei Dritteln anwesend und der Unterricht kann langsam richtig starten. Bisher haben wir es mit Wiederholungen belassen, um die Kinder wieder zu aktivieren und den später kommenden nicht eine grosse Wissenslücke zu hinterlassen. Zusätzlich habe ich ein paar Spiele mitgebracht, bei denen die Kinder ihre Merkfähigkeit, Denken und räumliche Orientierung unbewusst trainieren. Sie hatten dabei viel Spass, waren mit Eifer am Ausprobieren und haben am Folgetag interessiert nachgefragt, ob ich die Spiele denn wieder dabei hätte.
Neben dem üblichen Matheunterricht beginne ich nun auch mit ICT (information and communication technologies), welches ähnlich wie Informatik ist. Heute habe ich der neuen Lehrerin, welche ebenfalls gehörlos ist, geholfen und wir werden den Unterricht weiterhin zusammen machen und uns gegenseitig unterstützen. Mir fehlen einige Gebärden, um den Unterricht alleine zu bewältigen, und sie freut sich über zusätzliche Informationen und Hilfe. So habe ich wieder etwas mehr zu tun und kann weiter meine Gebärden trainieren.
Mit dem neuen Jahr kommt auch endlich eine Idee für ein eigenes Projekt auf, aber da ist noch einiges im Unklaren. Sobald ich mehr weiss, lasse ich es euch wissen.

14 January 2011

Besuch aus dem Norden

Vor einigen Tagen kam er. Aus dem Norden. Und er soll noch einige Zeit bleiben.
Mit ihm verdunkelte sich die Sonne. Das leuchtende Blau des Himmels ist seit seiner Ankunft verschwunden. Es schimmert gelblich auf die Erde hinab.
Er hüllt das Meer in einen grauen Schleier. Der Horizont ist verschwunden. Nur gelegentlich lassen sich Fischerboote im Grau erahnen. Die Wellen rollen gemächlich auf den Strand zu, bevor sie mit einem Getöse brechen und auf den Sand schlagen.
Er verdrängt die Hitze in den Nächten. Frischer Wind bläst durch die Fenster und bringt die Körper zum Frieren. Das kalte Wasser zum Duschen ist noch kälter. Am Tag ist es andersherum. Der Wind bleibt aus und der Hitze gewährt er freien Lauf. Jede Bewegung führt zum Ausbruch. Schweiss. Überall.
Mit sich führt er einen riesigen Sack. Gefüllt mit Sand und Staub. Dort, wo er ist, hinterlässt er eine dicke Schicht. Die Füsse nehmen eine rot-braune Farbe an, manchmal auch schwarz.
Es ist anders geworden seitdem er hier ist. Aber er kommt jedes Jahr. Wieder und immer wieder. Vielleicht werden wir ja noch Freunde. Der Harmattan und ich.

10 January 2011

Taxi vs. Trotro

Heute will ich euch mal einen kleinen Vergleich zu den beiden Hauptfortbewegungsmitteln in Ghana zeigen: Taxi und Trotro.


Taxi
Trotro
Sitzplätze
4 (mit Stapeln und Kofferraum auch bis zu 8)
14 (plus Kinder auf dem Schoss und Mate)
Arbeitsplätze
1 Fahrer
1 Fahrer und 1 Mate (sammelt das Geld ein und sagt dem Fahrer, wo er halten soll)
Kosten (für Kurzstrecke)
40-50 Pesewas (abhängig von der Strecke) für Sammeltaxi; 2 und mehr Cedi für Dropping (Privattaxi)
35 Pesewas
Sammelstellen
Feste Stationen für Sammeltaxen, aber eigentlich überall
Feste Abfahrstationen, sammelt aber überall Menschen ein
Strecke
Oft bestimmte Kurzstrecken; für spezielle Wünsche erhöhter Preis
Bestimmte Strecken (kurz und lang), oft über mehrere Stationen
Fahrzeiten
Von Sonnenaufgang bis Mitternacht; vereinzelt später; rund um die Uhr bei persönlichem Anruf
Von Sonnenaufgang bis ca 21 Uhr; für Langstrecken auch nachts

Trotro und Taxi unterwegs in Cape Coast

Taxi-Station nach Nkanfoa, der Stadtteil, in dem ich wohne


Generell lässt sich zu beiden Fahrzeugen sagen, dass sie unterschiedlich gut in Stand gehalten sind. Zumeist handelt es sich um in Europa, den USA oder manchen asiatischen Ländern ausrangierte Fahrzeuge, die nicht mehr durch den TÜV kommen. Hier fahren sie aber noch einige Jahre weiter und werden gut behandelt und mit einfachsten Mitteln repariert. Dennoch sind die Geschwindigkeitsanzeige und der Drehzahlmesser zumeist kaputt. Eine Geschwindigkeit lässt sich also nur erahnen.
Der Taxifahrer und der Mate helfen den Gästen mit schwerem Gepäck und öffnen oft die Türen für die Menschen. Sie sind freundliche und hilfsbereite Menschen, die (fast) immer ein Lächeln auf den Lippen haben. Manche kennen die Stationen der Leute auswendig und halten, ohne dass es angesagt werden muss.
Die Windschutzscheiben sind mit Wimpeln, Deko, Spielkarten und anderem Krams behangen und beklebt. Oft sind sie auch durch Schlaglöcher und Steinschlag gesprungen und die Risse ziehen sich einmal quer rüber.
Auf den Heckscheiben sind gelegentlich religiöse Sprüche oder Ansichten angebracht. Durch diese Aufkleber sowie den Windschutzscheibenbehang lassen sich die Taxen und Trotros einfacher auseinanderhalten.
Anschnallgurte werden nicht bzw. nur bei Polizeikontrollen vom Fahrer benutzt; Kofferräume der Trotros werden mit Bändern verbunden, wenn das Gepäck grösser ist als der Platz ausreichend; manche Fahrer haben kein oder nicht genügend Wechselgeld dabei; selbst schlechteste Strassen werden befahren; die Unterböden setzen öfters mal an Kanten auf.

Die Ausführungen mögen vielleicht etwas merkwürdig klingen und das Mitfahren für gefährlich halten. Jedoch ist noch keines (!) der Fahrzeuge, in dem ich sass auf der Strecke liegen geblieben. Einmal musste der Wagen zum Anspringen angeschoben werden, aber das war es auch. Ich hoffe, dass es weiterhin so bleibt.

06 January 2011

Fufu-Friday

Oder auch Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag.
Um etwas mehr Abwechslung beim Mittagessen nach der Schule zu haben und nicht ständig Reis zu essen, habe ich mir den Fufu-Friday auferlegt. Einmal in der Woche Fufu essen. Fufu ist gekochter Yam und Cassava, welche zu einer Art klebrig-zähem Brei gestampft werden. Zum Fufu gibt es dann eine Suppe und etwas Fleisch oder Fisch. Derzeit ist die Erdnusssuppe mein Liebling unter den drei möglichen Suppen und der Fisch ist einfach herrlich. An das Ziegenfleisch wage ich mich nach wie vor nicht so richtig heran und Hühnchen habe ich sonst ständig zum Reis.
Nun sind aber Ferien und ich bin etwas weniger in der Stadt. Ebenso ist eine Woche ganz schön viel Zeit, um wieder auf das Fufu zu warten. So habe ich meine Routine gebrochen und esse auch mal an einem anderen Tag Fufu oder ein zweites Mal in der Woche. Nach anfänglichem Zweifel mag ich Fufu mittlerweile sehr gerne und freue mich regelrecht darauf. Ebenso ist das Benutzen der rechten (!) Hand kein Problem mehr und ich tauche sie nur so in die Suppe ein, da es nämlich kein Besteck fürs Essen gibt. Weiterhin wird Fufu nicht gekaut, sondern gleich runtergeschluckt. Auch das war eine Gewöhnungssache, die kein Hindernis mehr darstellt.
Viele Ghanaer wundern sich darüber, dass ein Weisser in der Chop-Bar sitzt und Fufu isst. Doch dann freuen sie sich und sagen mir, dass ich davon gross und stark werde. Ebenso wollen bekannte Ghanaer nicht glauben, dass ich Fufu esse und das nur mit der Hand. Sie schütteln dann ungläubig den Kopf, lachen und wollen mich zum Fufuessen einladen, um zu sehen, ob ich die Wahrheit erzähle.
Es ist immer wieder ein Erlebnis in einer der Chop-Bars zu sitzen und dort mit den Ghanaern zu essen, beim Fufustampfen zuzusehen und sich ein wenig zu unterhalten.

Make Fufu, not war!

In der Chop-Bar wird Fufu gestampft

Eine Frau verteilt die Suppen zum Fufu

01 January 2011

Aufbruch

Brich auf in die Weite des Meeres,
lass dich treiben von der Strömung,
lass dich tragen vom Wind,
und finde deinen Weg durch die Wellen.

Die sengende Hitze der Sonne über dir,
die dunkle Tiefe des Wassers unter dir,
die gähnende Leere des Meeres um dich herum.

Trotze den Schwierigkeiten auf deinem Weg,
bestehe die Herausforderung.
Das rettende Ufer erwartet dich.
Ob alt oder neu,
es liegt in deiner Hand.




Sonnenaufgang an Neujahr über Cape Coast