08 February 2011

Extremer Alltag

Aus anfänglichen Problemen des Schlagens glitt ich quasi über zur Gleichgültigkeit. Von dort aus zum Extrem: Ein Mädchen beginnt zu Heulen. Enttäuschung, Verachtung, Unverständnis, Missachtung schiesst es durch meinen Kopf. Hat das Seminar wieder mehr für das Thema sensibilisiert oder ist es heute einfach eine krasse Situation gewesen? Warum schlägt ausgerechnet derjenige zu, dem ich es am längsten nicht zugetraut habe? Warum will er mit dem Schlagen Aufmerksamkeit und Lernen erzwingen? Furcht bringt niemandem etwas bei. Vielleicht für den Moment, aber nicht auf Dauer. Warum behalten die Kinder nicht die Worte, welche er ihnen beibringt? Haben sie es einfach nicht verstanden und sind zu faul zum auswendig lernen? Sind sie vom ganzen auswendig lernen überfordert? Die Worte stehen dabei an der Tafel. Können sie nicht lesen? Können sie die Worte nicht in Gebärden umsetzen? Reizüberflutung? Prüfungsangst beim Nachfragen des Lehrers? Ich gehe aus dem Klassenraum, um das weitere Geschehen zu ignorieren und zu verpassen; unterhalte mich mit anderen Lehrern für einen kurzen Moment und kehre dann zurück. Hoffentlich ist es vorbei. Die Kinder schreiben das zu lernende ab. Aber nicht alle. Ein Mädchen liegt am Boden. Sie heult. Sie hatte vorher auch schon geheult. Was war geschehen? Oder sind sie doch einfach unaufmerksam und missachten den Lehrer? Aber warum? Sie kennen doch die Konsequenzen. Der Lehrer hat sie vorher gewarnt. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Und wenn ich jemandem etwas beibringe und er es nicht versteht, wiederhole ich es, bis er es versteht. Wenn nötig mehrere Male, auf unterschiedlichen Wegen. Einige verstehen es auf Anhieb, andere brauchen länger – 3 Wiederholungen, mehrere Tage, bis es „klick“ macht. Jeder ist anders. Jeder denkt anders. Jeder lernt anders. Selbst scheinbar einfache Dinge müssen nachvollzogen werden, um sie zu behalten und umsetzen zu können. Vielleicht lernen und verstehen SIE es ja doch. Irgendwann.

So erging es mir heute während des Unterrichts. Zu Beginn des Tages bin ich froh gewesen nach dem (Da-)Zwischenseminar wieder in die Schule zu gehen. Zu fremd und ungewohnt war die Welt im Hotel. Doch als er anfing zu schlagen, war es umgekehrt. Ich fühlte mich unwohl und wäre am liebsten gegangen. Aus der Freude wurde Enttäuschung.
Nach dem Unterricht habe ich ihn darauf angesprochen. Mit obigen Text. Er schrieb mir eine lange Erklärung auf, ich erwiderte und er erklärte von neuem. Ich weiss nun wie er denkt – anders als ich. Es ist in Ordnung für mich, zumindest ein bisschen. Ich verstehe ihn und vollziehe seine Gedanken nach, teile aber nicht seine Meinung. Ich versuche mir ein genaueres Bild zu erstellen und werde sowohl über Situation als auch seine Erklärung weiter nachdenken. Ghana ist nicht Deutschland. Es ist eine andere Welt. Wieder einmal.

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