18 March 2011

2. Quartalsbericht

Das zweite Quartal ist vorbei und es wird Zeit für den nächsten Bericht. Dieses Mal zum Thema eigenes Auftreten im Gastland - eine Selbstreflexion. Wie kritisch es mir gelungen ist, könnt ihr mir ja mitteilen. Ansonsten geht es mir immer noch bestens und ich geniesse das Leben hier. Sollte aus dem Bericht auch ersichtlich werden. Das schockierende daran ist nur, dass die Hälfte nun vorbei ist. Noch einmal der gleiche Zeitraum und ich renne schon durch den deutschen Herbst.

Aber hier nun der Bericht:


Seit nun mittlerweile sechs Monaten fühle ich mich immer noch wohl in Cape Coast und betrachte es zunehmend mehr als Heimat. Insbesondere nach längeren Ausflügen oder Urlaub ist die Rückkehr immer sehr beruhigend und gibt ein Gefühl von Geborgenheit. Dieses hängt vor allem mit den Menschen zusammen, denen ich hier begegne. In der Regel werde ich freundlich begrüsst, ernst genommen, von vielen Leuten mittlerweile wiedererkannt und mir wird der Weg gezeigt, wenn ich danach frage. Aus diesem Verhalten heraus versuche ich ebenfalls so zu agieren und die Freundlichkeit auf die Menschen zu übertragen. In den meisten Fällen ist dieses einfach und eine reine Gewohnheit Menschen so zu behandeln, wie ich gerne behandelt werden möchte und es auch werde. Jedoch gibt es immer mal wieder Situationen, in denen ich die Menschen, vor allem Kinder, ignoriere. Dieses ist zumeist der Fall, wenn sie anfangen das „Oburoni-Lied“ zu singen und einfach meine Aufmerksamkeit haben wollen, ich aber gerade keine Lust darauf habe zu reagieren.
Ein weiterer unangenehmer Fall für mich ist die geringe Sprachkenntnis des Fanti. Zwar kenne ich wenige Worte und wende diese oft an, jedoch kann ich keine Gespräche führen. Auf dem Markt, auf der Strasse oder im Trotro werde ich doch öfters auf Fanti angesprochen und muss dann leider passen, da ich die Menschen nicht verstehe und manche kaum englisch sprechen. Ein Grund ist die fehlende Struktur und die kaum vorhandenen Bücher, um Fanti zu lernen. Ein anderer Grund ist dann aber auch wieder meine Bequemlichkeit mich mehr darum zu kümmern. So lächle ich dann einfach nur und gehe weiter oder schwenke auf Englisch um. Dem entgegen steht aber der schon recht weite Sprachfortschritt in den Gebärden, welche ich auch täglich in der Schule anwenden muss, um meinen Unterricht durchzuführen. Ich kann mich gut mit den Kindern und anderen gehörlosen Leuten unterhalten und habe weiterhin viel Spass daran die Sprache zu lernen. Dennoch ist es immer wieder eine Herausforderung Gespräche aufzunehmen, da die Gebärden der Gehörlosen sehr schnell sind und mein Auge noch nicht so geschult ist.
Dem entgegen steht dann aber die Übernahme von den täglichen Gewohnheiten. So ist das Essen mit den Händen kein Problem mehr und es macht sogar durchaus Spass das Fufu mit den Händen zu zerkleinern oder das Kenkey in das Stew zu stippen. Hiermit sind die erstaunten Gesichter von einigen Ghanaern verbunden, die einfach nicht erwarten, dass ich meine Mahlzeit mit den Händen esse und ich dann verwundert gefragt werde, ob ich das Essen mag oder die Menschen freuen sich über das Verhalten. Ebenso beginne ich mein Englisch an das Englisch der Ghanaer anzugleichen und deren Sprachgewohnheiten zu übernehmen, um besser verstanden zu werden. Ein am Anfang grosses Missverständnis, nun aber teilweise lustige Situation, ist die Verwirrung um den ghanaischen Cedi. Durch die Währungsreform vor drei Jahren wurden an den Beträgen vier Nullen gestrichen. Dennoch gibt es vor allem auf dem Markt immer noch sehr viele Menschen, die ihre Preise in der alten Währung angeben und so besonders am Anfang für Entsetzen, Verwirrung und Erstaunen gesorgt haben. Doch auch daran habe ich mich gewöhnt und werde manchmal sogar mit weiteren „Währungsverwechselbeträgen“ konfrontiert, die ein, zwei oder drei Nullen zu viel haben. Dieses lässt sich aber mit dem Zeigen des Geldes, das man bezahlen will oder das die Person haben möchte, regeln.
Ein weiterhin bestehendes Missverständnis ist die Zeit in Ghana. Ich weiss nie, wann ich bei einer Verabredung da zu sein habe. Zumeist kann ich davon ausgehen, dass alles etwas länger dauert und später geschieht, als es abgemacht war. Dennoch gibt es wenige Menschen, die auf Pünktlichkeit beharren und so wieder für Verwirrung sorgen. Soll ich nun pünktlich hingehen und lange warten? Oder soll ich später hingehen und verpasse die Person bzw. lasse diese lange warten? Was denkt und erwartet sie von mir? In den meisten Fällen gehe ich später und bin dennoch zuerst dort – selbst bei offiziellen Anlässen.
Mit dem Warten hängt ein weiteres Phänomen zusammen, welches ich noch nicht verstehe. Die meisten Ghanaer sind eher gemütlich und es macht ihnen kaum etwas aus zu warten. Zumindest scheint es so. An der Taxi- und Trotrostation kommt es dann aber öfters vor, dass die Leute keine Rücksicht mehr auf die anderen nehmen und drängeln, um in das ankommende Fahrzeug zu gelangen. Die Einhaltung einer Wartereihe fällt dann völlig ausser acht und es wird ein Knäuel Menschen um die Eingangstür gebildet. Ich halte mich dann immer zurück und warte im Zweifelsfall auf das nächste Fahrzeug, wenn das vorherige gefüllt sein sollte.
Diese zurückhaltende Art habe ich auch beim Einkaufen auf dem Markt, wenn sich einzelne Ghanaer vordrängeln sollten oder bei den Gesprächen über mich. Die Situation auf dem Markt ist für mich total in Ordnung, da die Leute dort meistens genug zu verkaufen haben und ich ausreichend Zeit mitbringe und es mir so nichts ausmacht etwas mehr zu warten. Ausserdem greifen dann oft auch andere Ghanaer oder die Standbesitzer selbst ein und weisen die drängelnde Person darauf hin, dass ich vorher da war. Die Gespräche über mich sind immer noch etwas befremdlich, da ich die Menschen auf Fanti nicht verstehe. Von daher akzeptiere ich die Gespräche, aber lasse sie an mir vorbeiziehen. Manchmal gehe ich jedoch mit einem ghanaischen Freund durch die Stadt und dieser übersetzt mir dann einzelne Gesprächsbrocken über mich, welche uns beide amüsieren. Aus diesem Grund nehme ich auch weiter an, dass die Gespräche über mich nicht böse gemeint sind, sondern die Leute sich eher darüber freuen und austauschen mich zu sehen.
Viele der Menschen erkennen mich ja auch wieder und ich kenne die Innenstadt ziemlich genau, so dass ich mich immer weniger als Fremder in Cape Coast fühle und die Stadt ja auch als Heimat betrachte. Ich trete sicher auf und weiss in den meisten Fällen, was und wohin ich möchte, so dass ich immer weniger angesprochen werde, ob ich „touristische“ Dinge kaufen möchte oder ein überteuertes Taxi nehmen will. Ebenso wandelt sich das Verhalten bei Freunden und im Projekt. Ich bin vom Gast zum Bewohner geworden und werde auch so behandelt. Viele fremde Dinge vom Anfang sind selbstverständlich geworden und ich stosse mich dort nicht mehr an. Insbesondere in der Schule hielt ich mich länger zurück und wollte erst einmal abwarten. Doch nun geniesse ich den genommenen Freiraum, den die anderen Lehrer schon lange hatten. Nur mit Äusserungen zu einigen Themen, welche in den Lehrermeetings angesprochen werden, halte ich mich zurück. Zu gross sind die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Ghana und konträre Ansichten würden unter Umständen tiefe Gräben reissen. Vor allem Gespräche über den Rohrstock und Religion sind heikle Themen, die besonnen und nicht in einer grossen Gruppe angesprochen werden sollten. Im Falle einer Diskussion gibt es am Ende oft Belehrungen für mich, wie ich mein Verhalten denn ändern könnte. Ich nehme diese mittlerweile stillschweigend hin und versuche gar nicht erst eine Diskussion darüber, da viele Meinungen der Ghanaer, mit denen ich darüber gesprochen habe, festgefahren sind.
Eine andere Art der Belehrungen sind Hinweise für mich als Europäer, der viele Sachen gar nicht kennt. Vieles in Ghana scheint den Ghanaern als typisch ghanaisch, welches in Europa unbekannt ist. Aus diesem Grund versuchen sie mir es beizubringen oder zu helfen, wie ich es besser machen kann, ohne dass ich die Möglichkeit habe, es ihnen zu erklären oder zu sagen, dass ich es weiss und es für mich auch selbstverständlich ist.
Gerade diese Belehrungen beider Art führen des Öfteren zu Frustration bei mir und teilweise auch zu Enttäuschung bei Leuten, denen ich mehr zugetraut habe.
Die grösste Schwierigkeit während der Zeit hier ist aber immer noch der Rohrstock in der Schule. Von meinem Gefühl her wird er scheinbar schon weniger genutzt, aber dennoch sehe ich oft die Lehrer mit dem Cane umherlaufen und Schüler, die geschlagen werden. In einem Fall habe ich den Lehrer kurz nach dem Schlagen angesprochen und ihm meine Gefühle und Gedanken mitgeteilt. Es wurde eine knappe, aber intensive Diskussion daraus, welche noch ein paar Tage andauerte. Am Ende konnte ich sein Verhalten zwar nachvollziehen, aber immer noch nicht akzeptieren. Zu verschieden ist meine Meinung zur Gewalt gegenüber Kindern.
Trotz der ständigen Diskussion auch von Seiten der Schule und der Regierung sind die Meinung und das Verhalten der Lehrer schwierig zu ändern. Gelegentlich hoffe ich wenigstens auf etwas Einsicht von einzelnen, die dann wiederum ihr Verständnis weitertragen und so einen langsamen Wechsel einleiten.

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