Neun Monate sind seit meiner Ankunft in Cape Coast vergangen. Neun Monate mit vielen neuen Eindrücken, Begegnungen und Erinnerungen. Aber auch neun Monate mit der Arbeit in Cape Deaf – dem eigentlichen Grund meines Aufenthaltes in Ghana.
Die Arbeit macht weiterhin Spass. Dieses liegt aber vor allem an den Kindern und deren Aufgeschlossenheit mir gegenüber. In den meisten Fällen passen sie im Unterricht auf und versuchen auch meinen Erklärungen zu folgen. Zumindest scheint es so. Bei den obligatorischen Übungsaufgaben während des Unterrichts sehe ich aber mehr. Viele der Schüler schreiben bei anderen Schülern ab, versuchen erst gar nicht das Lösen auf eigenem Weg. Ich vermute dahinter die Angst nicht genügend Punkte zu bekommen. Einige Lehrer schlagen die Kinder dann, wenn sie nicht ordentlich ihre Aufgaben lösen. Das Lernen durch Fehler wird hier oft mit dem Lernen durch Schlagen ersetzt. Leider.
Insbesondere am Anfang habe ich oft vermutet, die Kinder schreiben bei den fitteren Schülern ab, weil sie die Aufgabenstellung oder den Inhalt nicht verstanden haben, da ich die Gebärden noch nicht ausreichend konnte und sie mich einfach nicht richtig verstanden haben. Dieses bezweifel ich mittlerweile aber, da selbst nach dem mehrfachen Wiederholen des gehörlosen Klassenlehrers grosse Fragezeichen in den Gesichtern der Kinder stehen.
Die Gebärden an sich beherrsche ich nun so weit, dass ich neben dem Mathematikunterricht auch ICT (ähnlich wie Informatik) und seit kurzem auch naturwissenschaftliche Experimente mit den Kindern durchführen und ihnen einigermassen fliessend erklären kann. Einzelne Worte fehlen immer mal wieder, aber diese kann ich nachfragen.
Ich selbst kann nach dieser Zeit nun viel mehr die Denkweise der Kinder verstehen und muss mehr darauf achten, noch weniger vorauszusetzen und mehr bei null anzufangen. Den Vergleich mit deutschen Kindern in dem Alter, vor allem mit hörenden, ist unangebracht und ich muss dieses zur Seite lassen. Durch eine norwegische Freiwillige habe ich erfahren, dass in Norwegen dieselben Probleme mit dem Erlernen der Schriftsprache herrschen. Von daher ist es vollkommen verständlich, wenn die Kinder in Cape Deaf ebenfalls Probleme dabei haben. Wobei es mir immer noch etwas merkwürdig vorkommt. Doch dieses liegt wohl mehr daran, dass ich selbst hörend bin und Dinge anders kennen gelernt habe. Dennoch bin ich in manchen Situationen immer wieder erstaunt und auch erschrocken, wie einfache Zusammenhänge nicht (wieder-)erkannt werden oder die Kinder sich an Dinge vom Vortag nicht erinnern können.
Aus diesen Gründen bin ich mit der Arbeit in der Schule doch recht zufrieden. Daneben hatte ich im vergangenen Jahr mal versucht ein wenig die Nachmittagsaktivitäten zu ändern, doch dieses gestaltete sich als schwierig. Viele Kinder waren nicht interessiert oder mit anderen Dingen beschäftigt. Auch schien keine Regelmässigkeit von Seiten der Schule vorhanden zu sein und so konnte ich mich nicht darauf verlassen zu vereinbarter Zeit genügend Schüler zu aktivieren. So habe ich damit aufgegeben und mich weiterhin auf den Unterricht konzentriert.
Im Projekt selbst scheint es einige interne Probleme zu geben, von denen ich nur oberflächlich etwas mitbekomme. Auch habe ich meinem Klassenlehrer meinen Unmut zum Schlagen kund getan und dieses endete in einer langen Diskussion, welche auf ein Unverständnis zwischen den Kulturen umher ritt. Dabei fragte ich lediglich nach dem Sinn des Schlagens und bekam als Antwort quasi eine kulturelle Tradition. Dieses Thema reichte dann weiter bis zur Direktorin, die mich in einem Meeting auch noch einmal darauf ansprach. Inzwischen sind aber zumindest die Gräben zwischen meinem Klassenlehrer und mir überwunden und wir akzeptieren die Meinung des anderen. Denn obgleich es nur bedingt offiziell erlaubt ist, die Kinder zu schlagen, wird es immer noch anderweitig durchgeführt. Dennoch habe ich den Eindruck, dass sich trotz der zerfahrenen Diskussion und ein paar Gesprächen das Schlagen der Kinder während der vergangenen neun Monate etwas gelegt hat und die Lehrer mehr sensibilisiert worden sind; auch von Seiten der Direktorin und durch Seminare durch die Regierung.
Trotz dessen halte ich meine Arbeit an der Schule aber generell für unbefriedigend auf Hinsicht des Faktors „Entwicklungsarbeit“. Cape Deaf hat alle nötigen Strukturen, Unterstützung und Materialien, um selbst voran zu kommen. Einiges sogar im Überfluss. Einen Vergleich mit anderen öffentlichen Schulen mag ich gar nicht erst beginnen. Das grössere Problem im „Entwicklungsrückstand“ sehe ich eher in den bestehenden Strukturen, welche ich bisher kennen gelernt habe. Doch an diesen kann ich als Freiwilliger nichts ändern.
Ich mit meinen nicht vorhandenen Kenntnissen der Gebärden zu Beginn und ein ausgebildeter gehörloser Klassenlehrer auf der anderen Seite sind ein paradoxes Bild der „Entwicklungshilfe“. Weshalb soll/muss/darf ich an der Schule unterrichten, wenn es genügend fachlich ausgebildetes Personal gibt? Wohl weniger zur Entlastung. Zum Einbringen neuer Ideen, Arbeitsweisen und Kenntnisse? Dann sollten sich die betroffenen Personen diesen gegenüber offener zeigen und eher akzeptieren. Zur Selbsterfahrung mit Gehörlosen? Gehörlose Menschen treffe ich zumindest hier viel auf der Strasse und wohl auch an anderen Orten wie Waisenheimen oder Organisationen. Wegen dieser noch offenen Fragen zweifel ich an der Sinnhaftigkeit der Arbeit in diesem Projekt und finde es schade einen solchen Gedankengang zu haben. Schade vor allem auch um die Kinder, welche sich bei meiner Anwesenheit immer unglaublich freuen und ständig nach dem Projektpartner fragen, wenn dieser mal nicht kommen kann oder etwas später kommt.
Aufgrund des Überschusses von Material und die vielseitige Unterstützung von weiteren Vereinen, Personen, Institutionen halte ich einen grossen Einsatz und die Durchführung eines eigens initiierten Projektes in der Aufnahmeorganisation für unangebracht. Zum einen fehlten konkrete Ideen für etwas möglichst Nachhaltiges (das meiste ist ja bereits vorhanden), zum anderen aber liess meine Motivation aus den oben genannten Gründen zu wünschen übrig.
Diese Motivation aber steckt in nun drei weiteren, frei gewählten Projekten. Diese Projekte empfinde ich als mehr unterstützungswürdig und engagiere mich aus diesem Grund mehr dafür und helfe Freunden in meiner Freizeit bei der Umsetzung. Konkret sind dieses ein Waisenhaus in Teshie bei Accra, ein Community-Projekt in Anomabo zur Unterstützung der Schulen und des Krankenhauses und die Entstehung eines Fussballteams für bedürftige Kinder, welches die Beschaffung von Sportmaterialien und Shirts betrifft, so dass diese organisiert trainieren und an offiziellen Spielen teilnehmen können.
Wie ich bereits zu Beginn geschrieben habe, bin ich mit der Arbeit, die ich leiste, im Groben zufrieden. Jedoch nicht mit dem Kontext in welchem sich diese Arbeit befindet. Dieses ist der Hauptgrund, weshalb ich ein wenig unausgelastet, aber auch unmotiviert bin, mehr in Cape Deaf, als in den neuen Projekten zu schaffen und etwas aufzubauen.
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