Nachdem ich nun ja schon über einen Monat wieder zurück in Deutschland bin, kommt nun endlich mein letzter Quartalsbericht online. Dieser gibt euch ein kleines Resümee über meinen Freiwilligendienst sowie das Leben in Ghana.
Über ein Jahr ist vergangen, seitdem ich mich auf den Weg nach Ghana gemacht habe. Das erste Mal für mich eine Reise außerhalb Europas. Trotz der Erfahrungen im Ausland zu leben, war die Situation eine neue für mich. Durch die Vorbereitung und die Beschäftigung mit der neuen Heimat auf Zeit hatte sich eine große Vorfreude und Neugierde entwickelt, aber auch einige Sorgen bezüglich Gesundheit und Sicherheit kamen immer wieder auf. Informationen hatte ich vorher im Internet zusammen gesucht, um mehr über Ghana zu erfahren, meine Erwartungen sollten aber auch nicht zu hoch gesteckt werden. Ich fühlte mich vorbereitet und doch merkte ich nach meiner Ankunft in Cape Coast, ich weiß nichts.
Doch dieses Unwissen half mir dabei das Leben in Ghana von Grund auf kennen zu lernen und weniger über Vorurteile nachzudenken. Die Menschen am Markt kamen strahlend auf mich zu und versuchten ihre Waren zu verkaufen. Freundlich lehnte ich ab, da ich auf der Suche nach etwas anderem war. Doch anstatt mir den Rücken zuzukehren und sich an jemand anderen zu wenden, halfen sie mir, die Dinge zu finden, welche ich suchte. Oft begleiteten sie mich sogar über den Markt und verließen mich erst, als ich zufrieden war.
Die freundliche, hilfsbereite Art vieler Ghanaer beeindruckte mich, wobei sie manchmal auch etwas anstrengend werden konnte. Ich wollte nicht so viel Aufmerksamkeit oder deren Zeit in Anspruch nehmen, doch sie bestanden darauf mir zu helfen. In einigen Fällen artete die Hilfsbereitschaft fast in Bevormundung aus. Die helfenden Menschen bestanden auf Dinge, die ich nicht wollte oder versuchten mir Vorgänge zu erklären, welche ich längst schon wusste. Besonders am Ende des Freiwilligendienstes wurde es ermüdend, da ich vieles aufgrund der Dauer meines Aufenthaltes schon gelernt hatte und sie es einfach nicht wussten, mir aber auch nicht zuhörten.
Das Auffallen als Weißer in Ghana ist unvermeidlich. Ständiges Angesprochen und Angefasst werden gehörten zum Alltag, wie der Gang über den Markt und zur Arbeit. Dennoch war ich angenehm überrascht, weil ich von schlimmeren Situationen gehört und diese erwartet hatte. Gelegentlich wurde ich wegen Geld angesprochen, aber auch nur vereinzelt von Kindern, die sich scheinbar mehr einen Spass daraus machten. Wurde ich von Kindern zu sehr belästigt, sind die Mütter oder andere Erwachsene schnell eingeschritten und haben diese davon abgehalten, weiter zu nerven.
Nachdem ich mich nach wenigen Monaten von vielen der anderen Freiwilligen räumlich getrennt hatte, lernte ich auch schneller ghanaische Freunde kennen. Diese, vor allem zwei von ihnen, zeigten mir weitere Facetten des alltäglichen Lebens: der eine lebt allein in seiner eigenen Wohnung und startete vor kurzem ein Studium, der andere hat ein kleines Zimmer im Haus seiner Familie und sucht eine Arbeit, durch dessen Lohn er sich genug zu essen kaufen kann. Einer ist Einzelkind, der andere hat mehrere Halbgeschwister. Verschiedener hätte ihre Lebensführung kaum sein können.
Mit beiden habe ich viel Zeit verbracht und dadurch einiges über die ghanaische Kultur und Tradition kennen gelernt. Doch auch andere Freunde zeigten mir einen Blick in ihr Leben.
Durch diese Einblicke habe ich angefangen viel über mein eigenes Leben nachzudenken und wie viel Glück ich bisher gehabt habe. Glück mit der Bildungssituation, der sozialen Absicherung, mit den Möglichkeiten zu Reisen, etwas anderes zu sehen. Dieses Glück haben viele der Ghanaer nicht. Sie sind auf andere Menschen angewiesen und auf deren Großzügigkeit.
Die Arbeit in Cape Deaf hat mir sehr gefallen und ich konnte durch das Unterrichten von gehörlosen Kindern und Jugendlichen viel lernen. Neben den Gebärden nehme ich auch viel Persönliches von den Kindern mit. Ihre Zutraulichkeit, Neugierde, Gutmütigkeit und Begeisterungsfähigkeit, aber auch ihre Müdigkeit, Desinteresse oder Unfähigkeit. Ich hatte viele gute Zeiten mit ihnen, aber manchmal war ich auch nahe am Aufgeben und Verzweifeln, wenn ich versuchte den Kindern etwas beizubringen.
Am meisten beeindruckt hat mich während der ganzen Schulzeit der Moment, in dem ich feststellte, dass ich der Behinderte auf dem Campus bin. Ich spreche nicht die Sprache der Gehörlosen. Ich kann nicht das, was hier für alle normal ist. Ich bin anders, nicht sie.
Dennoch sehe ich das Projekt Cape Deaf im Sinne der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit als unnötig an, da es genügend Ressourcen gibt, die aber nicht genug genutzt werden (genauere Ausführungen bereits im 3. Bericht).
Mit der Arbeit und meinen Freunden in Ghana verflog das Jahr dann am Ende auch sehr schnell. Ich habe das Land und dessen Leute schätzen und lieben gelernt. Gelegentlich gab es einige Schwierigkeiten, die aber auch gelöst wurden.
Zu Ende wusste ich aber immer noch nicht genau, ob ich mich auf Deutschland freuen soll oder nicht. Auf der einen Seite freute ich mich auf meine Familie und meine Freunde, aber auf der anderen waren die letzten Wochen eine besonders intensive und schöne Zeit, so dass ich gerne noch länger geblieben wäre und meine neuen Freunde nicht verlassen hätte.
Doch nun bin ich wieder zurück in Deutschland und vermisse viele Dinge. Neben der Sonne sind es vor allem die Menschen. Ich falle auf der Straße nicht mehr auf, niemand spricht mich an. Es gibt keine laute Musik auf den Straßen, niemand tanzt. Jeder macht hier sein Ding, alles ist individuell und nicht auf andere ausgerichtet.
Das, was ich teilweise als störend empfand, ist nun das, was ich am meisten vermisse.
Bevor ich nach Deutschland zurückkam, dachte ich über Sachen nach, die ich so nicht mehr machen will. Doch nur kurze Zeit nach meiner Ankunft habe ich gemerkt, dass es schwierig ist, diese auch einzuhalten. Ich verfiel zu schnell wieder in den alten Trott und das gewohnte Leben. Die Gelegenheiten verführen und nicht immer kann ich ihnen widerstehen. Dennoch bin ich mir dessen meist bewusst und akzeptiere die Situation, denn Deutschland ist nicht gleich Ghana.
Das ist wohl eine der wichtigsten Sachen, die ich gelernt habe: Obgleich ich in Ghana anders gelebt habe und dieses Leben gerne auf Deutschland übertragen möchte, so ist dieses nicht möglich. Die Standards sind einfach total verschieden und gerade durch die verschiedenen Gelegenheiten fällt es schwer das Leben aus Ghana durchzuziehen. Dem gegenüber aber sehe ich nun das bewusstere Leben, welches ich nun führe. Ich denke über einfache Sachen mehr nach und überlege, ob es denn wirklich notwendig ist, dieses zu kaufen oder zu tun.
Für mich persönlich war das Jahr in Ghana das beste Jahr meines Lebens bisher. Ich hatte eine gute Zeit in der Schule, lernte viel über die Kultur und habe neue Freunde gewonnen. Meine Persönlichkeit ist durch das Jahr gewachsen und ich bin mir vielen Dingen bewusster geworden. Nun möchte ich das Glück, das ich bisher hatte, gerne weitertragen und mit anderen teilen.
Der erste Schritt dafür ist getan, weitere werden folgen.